• Tagebuch

    #tgbchblggn: Essen, nochmal Bohemian Rhapsody, Korrekturen & Brautkleid

    Was für eine Woche, man kommt ja zu nix. Ich habe wirk­lich ver­sucht, es lang­sam ange­hen zu las­sen. Schwie­rig, wenn der Job nach fast zwei Wochen Arbeits­aus­fall über einen drü­ber­rollt wie eine D-Zug-betrie­be­ne Dampf­wal­ze. Ein zusätz­li­ches Paar Ner­ven wäre jetzt ganz schön.

    Essen. Ikea hat jetzt einen Veg­gie Dog, ich habe vor Glück fast in die Röst­zwie­beln geweint. Außer­dem gab es einen Sauer­bur­ger bei Bun­te Bur­ger in Köln Ehren­feld, wobei wir uns bei Gele­gen­heit mal über die all­ge­mei­ne Ten­denz unter­hal­ten müs­sen, statt ein­fa­cher Bur­ger uness­ba­re Tür­me hoch­ge­sta­pel­te Ess­kunst­wer­ke zu ser­vie­ren. Einen Bur­ger muss man ein­fach mit zwei Hän­den hal­ten kön­nen, um see­lig schnau­fend hin­ein­zu­bei­ßen. Apro­pos ein­fach: Es gab auch Nudeln bei Vapia­no, sie­he oben.

    Bohemi­an Rhaps­o­dy. Ein zwei­tes Mal gese­hen, dies­mal als OmU und in Beglei­tung mei­ner Lieb­lings-Super­garvs. Die groß­ar­ti­ge Leis­tung von Rami Malek nutzt sich nicht ab.

    Geh- und Seh­hil­fen. Das Knie (rechts) macht immer noch Pro­ble­me und die Kol­la­te­ral­schä­den (links) machen es erfor­der­lich, Ein­la­gen zu tra­gen. Ich bin nun stol­ze Besit­ze­rin einer Son­der­an­fer­ti­gung zur Kor­rek­tur mei­ner über­pro­nie­ren­den Füße. Außer­dem habe ich gelernt, Achil­les­seh­ne sowie Groß­ze­he fach­kun­dig zu tapen. Und weil man bei so viel Kor­rek­tur schon mal durch­ein­an­der­kom­men kann, trug ich meh­re­re Stun­den Bril­le und Kon­takt­lin­sen gleich­zei­tig. Und wun­der­te mich. Ist das wohl die­ses Alt­wer­den, von dem alle spre­chen?

    Noch­mal zurück zum Braut­kleid. Hier sehen Sie meins, es war sehr ein­fach und des­halb sehr per­fekt. Und schau­en Sie nur, wie wun­der­voll die­ser Raum ist! Man soll­te viel häu­fi­ger in Tape­ten­zim­mern hei­ra­ten.

    (Seit­her bin ich auch für Beer­di­gun­gen per­fekt aus­ge­stat­tet, ein nicht zu unter­schät­zen­der Neben­ef­fekt.)


    *** Gele­sen ***

    Hof Buten­land stellt ange­sichts des neus­ten Schlacht­hof­skan­dals eine Men­ge unbe­que­mer Fra­gen: »Gibt es eigent­lich eine grö­ße­re Augen­wi­sche­rei als den omi­nö­sen Metz­ger des Ver­trau­ens?« Ich sage: Nein. (Soll­te ich jemals mor­gens auf­wa­chen und von Ver­trau­en durch­drun­gen aus­ru­fen: »Och, jetzt mal fix mit Bol­zen­schuss­ge­rät aus­ge­knockt und fach­män­nisch zum Aus­blu­ten auf­ge­hängt wer­den«, über­den­ke ich die­se Ein­schät­zung, ver­spro­chen.) Übri­gens: Umstän­de wie die jüngst ent­deck­ten wur­den bereits aus­führ­lich in Foers 2012 erschie­ne­nem Tie­re essen beschrie­ben. Wir haben es hier nicht mit »zuneh­men­der Ver­ro­hung« zu tun, son­dern mit All­tag.

    Dr. Chris­ti­ne Bla­sey Ford kann auch über einen Monat nach der öffent­li­chen Befra­gung zum Fall Kava­n­augh ihren Job an der Uni­ver­si­tät nicht aus­üben: »Chris­ti­ne Bla­sey Ford Is Still Being Put Through Hell« (The Cut, eng­lisch). Nur, falls noch­mal jemand auf die Idee kommt, Opfern vor­zu­wer­fen, sie wür­den öffent­lich über ihre Erfah­run­gen mit sexu­el­ler bzw. sexua­li­sier­ter Gewalt spre­chen, weil sie die Auf­merk­sam­keit genös­sen. (via @ellebils Ret­weet)

  • Yoga & Meditation

    Die Meditation der liebenden Güte zum World Kindness Day

    Heu­te ist World Kind­ness Day! Also habe ich heu­te mor­gen statt Früh­stück erst­mal ’ne schö­ne Met­ta-Medi­ta­ti­on in die Welt geschickt. Die Medi­ta­ti­on der lie­ben­den Güte ist die eier­le­gen­de Woll­milch­sau unter den Medi­ta­tio­nen: Sie beru­higt die Sin­ne, strei­chelt die See­le und lässt das Herz schön groß, weit und fluffig wer­den. Bes­tes Gefühl der Welt.

    Du auch? Let’s go!

    Nimm eine beque­me Sitz­hal­tung ein. Du kannst im Schnei­der­sitz auf einem Kis­sen oder auf einem Stuhl sit­zen. Lege Dei­ne Hän­de auf die Knie oder in Dei­nen Schoß. Rich­te Dei­nen Ober­kör­per auf und atme ein paar mal tief ein und aus.

    Lass Dei­nen Atmen dann ganz natür­lich flie­ßen. Fol­ge ihm mit Dei­ner Auf­merk­sam­keit. Sage Dir »Ich atme ein – ich atme aus«. Nimm Dir eini­ge Atem­zü­ge Zeit. Nimm wahr, wie Du lang­sam ruhi­ger wirst. 

    1.) Ich.

    Schi­cke zuerst Dir selbst freund­li­che Wün­sche. Sprich zu Dir in Gedan­ken: »Möge ich gesund sein und in Frie­den leben. Möge ich glück­lich sein und Lie­be erfah­ren.« Syn­chro­ni­sie­re die Wün­sche mit Dei­ner Atmung. Wie­der­ho­le ein­at­mend »Möge ich gesund sein und in Frie­den leben« und aus­at­mend »Möge ich glück­lich sein und Lie­be erfah­ren«.

    2.) Jemand, den du gern hast.

    Stel­le Dir im Geis­te vor, eine Per­son, die Du gern hast, sitzt vor Dir. Schi­cke nun ihr freund­li­che Wün­sche: »Mögest Du gesund sein und in Frie­den leben. Mögest Du glück­lich sein und Lie­be erfah­ren.« Wie­der­ho­le im Rhyth­mus Dei­ner Atmung: »Mögest Du gesund sein und in Frie­den leben. Mögest Du glück­lich sein und Lie­be erfah­ren.«

    3.) Jemand Fremdes.

    Sen­de Dei­ne Wün­sche nun einer unbe­kann­ten Per­son – oder einer, der Du gleich­gül­tig gegen­über stehst. Wie­der­ho­le zwei­mal im Rhyth­mus Dei­ner Atmung: »Mögest Du gesund sein und in Frie­den leben. Mögest Du glück­lich sein und Lie­be erfah­ren.«

    4.) Jemand, der Dir Kummer bereitet.

    Stel­le Dir im Geis­te vor, dass eine Per­son, die Dich wütend macht oder Dir Kum­mer berei­tet, vor Dir sitzt. Nimm sie als Mensch wahr statt als Gegner*in und behal­te das lie­be­vol­le Gefühl im Her­zen bei. Sen­de auch ihr freund­li­che Wün­sche: »Mögest Du gesund sein und in Frie­den leben. Mögest Du glück­lich sein und Lie­be erfah­ren.«

    5.) Alle.

    Been­de Dei­ne Medi­ta­ti­on, indem Du das Gefühl lie­ben­der Güte nun an alle Men­schen schickst, an die Du soeben gedacht hast – Dich ein­ge­schlos­sen. Atme ein paar Mal tief ein und aus. Sprich für Dich: »Mögen alle Wesen auf die­ser Erde Glück­se­lig­keit erfah­ren.«

    Bewe­ge Dei­ne Fin­ger. 
    Bewe­ge Dei­ne Zehen.
    Rol­le sach­te Kopf und Schul­tern.
    Öff­ne Dei­ne Augen. 

    (OM Shan­ti Shan­ti Shan­ti.)

    ***

    Wer es nicht gewohnt ist, lan­ge still zu sit­zen oder nur wenig Zeit hat, über­springt ein­fach Frem­de und Kum­mer­pa­ti­en­ten. Und wer noch mehr lie­ben möch­te, schließt kur­zer­hand Tie­re, Pflan­zen oder gleich den gesam­ten Pla­ne­ten mit ein. 

    Hap­py World Kind­ness Day! <3

  • Tagebuch

    #tgbchblggn: Armchair Expert, Twittergeburtstag, 999 Fragen

    Es geht auf­wärts. Die Bauch­schmer­zen sind fast weg, mei­ne Stim­me kommt zurück, Nasen­at­mung ist wie­der eini­ger­ma­ßen mach­bar und der Kaf­fee schmeckt auch. Yay me!

    Gehört. Lena Dun­ham ist zu Gast bei Arm­chair Expert Dax She­pard (124 Minu­ten, eng­lisch). Das Gespräch ist so lus­tig, klug, respekt­voll, spon­tan und ehr­lich, dass es eine Freu­de ist, den bei­den zuzu­hö­ren – auch wenn es inhalt­lich schwie­rig wird. Ich lie­be Dax’s Inter­views sehr und ich bin jedes­mal über­rascht, wie unglaub­lich locker die per­sön­lichs­ten The­men in ein bis zwei Stun­den run­ter­be­spro­chen wer­den, ganz unab­hän­gig davon, wer da gera­de zu Gast ist. »A pod­cast that cele­bra­tes the mes­si­ness of being human«, inde­ed.

    Twit­ter­ge­burts­tag. Zur Fei­er elf gan­zer Jah­re noch­mal auf 140 Zei­chen getex­tet. Ich wer­de immer ein biss­chen weh­mü­tig, wenn ich an die ers­ten Jah­re den­ke. Wie wir uns alle über knapp for­mu­lier­te Bana­li­tä­ten ken­nen­ge­lernt und eine nie enden wol­len­de Orgie der Zunei­gung gefei­ert haben. Obwohl jetzt so viel mehr Men­schen auf Twit­ter sind, ist es heu­te um eini­ges ein­sa­mer dort.

    999 Fragen (51–60)

    1. Wen hast du das ers­te Mal geküsst?
      Ich neh­me das jetzt mal wört­lich, küs­sen statt geküsst wer­den. Ich küss­te R. im Som­mer 1996, eigent­lich mehr aus Lan­ge­wei­le und Neu­gier. Aber es hat sich echt gelohnt, denn R. hat sehr anstän­dig zurück­ge­küsst, und wir waren gleich zwei­mal ein Paar.
    2. Wel­ches Buch hat einen star­ken Ein­druck bei dir hin­ter­las­sen?
      Tie­re essen. Ich hät­te ja jetzt ger­ne etwas von lite­ra­ri­scher Ver­zü­ckung erzählt, und sicher gibt es da eini­ges, was mich zutiefst beein­druckt hat. Tie­re essen hat aber mein gan­zes Leben ver­än­dert, und zwar zum Bes­sern – auch wenn man es ange­sichts der Schwe­re der Kost kaum glau­ben mag.
    3. Wie sieht für dich das idea­le Braut­kleid aus?
      Schwarz und schlicht. Viel­leicht zeig ich Euch mal ein Foto (da muss ich erst die Trau­zeu­gen fra­gen, die sind da näm­lich mit drauf).
    4. Fürch­test du dich im Dun­keln?
      Nicht zwin­gend. Der Dun­kel­heit den Rücken zuzu­dre­hen ist aber beängs­ti­gen­der, als in sie hin­ein­zu­ge­hen.
    5. Wel­chen Schmuck trägst du täg­lich?
      Kei­nen.
    6. Mögen Kin­der dich?
      Man­che ja, man­che nein, das ist wie mit allen Men­schen.
    7. Wel­che Fil­me schaust du lie­ber zu Hau­se auf dem Sofa als im Kino?
      Hor­ror, Spuk und ähn­li­ches. Damit ich auch auf­ste­hen und ein biss­chen Wäsche fal­ten kann, wenn es zu gru­se­lig wird.
    8. Wie mild bist du in dei­nem Urteil?
      Ach jö, als wür­de mir Mil­de irgend­wie zuste­hen, das hat sowas her­ab­las­sen­des. Ich bemü­he mich, so wenig wie mög­lich über­haupt zu urtei­len. Mehr erfah­ren, mehr wahr­neh­men, mehr ver­ste­hen. Urtei­le machen es schwer, durch­läs­sig zu blei­ben.
    9. Schläfst du in der Regel gut?
      Das sah vie­le Jah­re ganz anders aus, aber: OH JA.
    10. Was ist dei­ne neu­es­te Ent­de­ckung?
      Kchkch. Es fällt mir manch­mal schwer, das Frame­set die­ser Fra­gen mit mei­ner Rea­li­tät über­ein­an­der zu brin­gen. Meint das ein Pro­dukt? Einen Life­hack? Oder dass mei­ne Ohren end­lich groß genug für In-Ears sind? (Es ist SO ein Segen.)
  • Serien & Filme,  Tagebuch

    #tgbchblggn: Filme, Dokus & Kino (immer noch krank)

    Puh, ich bin so müde. Seit einer Woche lie­ge ich jetzt schon wie­der flach – einen gan­zen Tag war ich gesund, bevor ich mir den nächs­ten Virus ein­ge­fan­gen habe. Das kommt davon, wenn man sein Immun­sys­tem zu früh lobt. Naja. Jeden­falls ver­brin­ge ich mei­ne Zeit mitt­ler­wei­le nicht mehr mit Fie­ber, son­dern mit Gene­sen. Also haupt­säch­lich. Heu­te war ich zur Abwechs­lung mal wie­der beim Arzt, weil mir, tatara­tam: ’ne Eier­stock­zys­te geplatzt ist. Ges­tern noch aus dem Gesicht sekre­tie­ren, heu­te mal in den Unter­leib blu­ten; mein Kör­per hat schon einen ziem­lich gei­len Humor zur Zeit. War aber ein schö­ner Spa­zier­gang, mal in die Fer­ne sehen statt Fern­se­hen, HARHAR, Wort­witz­chen. (Merkt man eigent­lich, dass mir die Decke auf den Kopf fällt?)

    Game Night. Irre alber­nes Non­sen­se­film­chen über eine Grup­pe von Freun­den, die lie­bend ger­ne Spie­le­aben­de ver­an­stal­ten und plötz­lich einen Spie­le­abend ganz beson­de­rer Art erle­ben (Ent­füh­rung, Mord und Tot­schlag, Sie ver­ste­hen). Jason Bateman und Rachel McA­dams sind ein­fach urko­misch zusam­men, ich habe Trä­nen gelacht. (8/10)

    Rea­dy Play­er One. In einer nicht all­zu fer­nen Zukunft woh­nen die meis­ten Men­schen in Slums; das ech­te Leben fin­det in einer vir­tu­el­len Rea­li­tät namens OASIS statt. Und die muss jetzt aus Grün­den von jun­gen, schö­nen Men­schen geret­tet wer­den. Der Film kann sich nicht ent­schei­den, was er sein möch­te: Dys­to­pie? Ava­tar-Kopie? Pop­kul­tur-Stück­chen? FVX-Schlacht? Über­haupt: Ich hof­fe sehr, dass wir die 80er bald mal durch­ge­kaut haben, nichts lang­weilt mich mehr. Auch schö­nen Gruß an Maniac, was das angeht. (5/10)

    Titi­cut Fol­lies. Seit Jah­ren bin ich um die­se Doku über Brid­ge­wa­ter, einer Anstalt für »geis­tes­kran­ke Straf­tä­ter« in Mas­sa­chu­setts, her­um­ge­ei­ert. Zurecht. Die Zustän­de, die 1967 (und wenn man diver­sen Medi­en­be­rich­ten glau­ben mag, auch noch vie­le Jah­re dar­auf) in die­ser Ein­rich­tung herrsch­ten, sind schon als Zuschau­er kaum zu ertra­gen. Und ich bin mir sicher, dass es von die­sen Orten auch heu­te noch unzäh­li­ge wei­te­re auf der Welt gibt. (ohne Wer­tung)

    Bohemi­an Rhaps­o­dy. OH I LIKED THIS ONE. Kri­ti­ken wur­den schon genug geschrie­ben, da muss ich mich nicht ein­rei­hen. Mir hat jeden­falls genau das, was am meis­ten kri­ti­siert wur­de, am bes­ten gefal­len: Dass der Film nicht in die Tie­fe geht. Dass er Fred­die Mer­cu­ry eben nicht aus­ein­an­der­nimmt, sei­ne Sexua­li­tät ana­ly­siert, in die Tie­fen sei­ner wie auch immer gear­te­ten Abgrün­de hin­ab­steigt. Ich fin­de näm­lich: Das geht mich alles gar nichts an. Und bis auf den einen oder ande­ren völ­lig unnö­ti­gen Chee­zi­ness-Moment hat Bohemi­an Rhaps­o­dy mir exakt das gege­ben, was ich woll­te: Einen Film über einen groß­ar­ti­gen Sän­ger und her­aus­ra­gen­den Enter­tai­ner, der mich mit dem Gefühl gro­ßen Ver­lus­tes über sei­nen frü­hen Tod ent­las­sen hat – und dem Glück, sein Talent erlebt haben zu dür­fen. (8/10)

    TIME: The Kalief Brow­der Sto­ry. Doku über Kalief Brow­der, der drei Jah­re in Haft auf Rikers Island ver­brach­te, ohne je ver­ur­teilt wor­den zu sein. Es ist schlicht erschüt­ternd, was dem jun­gen Mann wider­fah­ren ist – nicht vor vie­len Jahr­zehn­ten in irgend­ei­ner men­schen­ver­ach­ten­den Dik­ta­tur, son­dern in den Jah­ren 2010 bis 2015, IN FUCKING NEW YORK. Unbe­dingt sehens­wert. Es sei denn, man möch­te nicht wis­sen, wie unfass­bar dünn die Decke der Zivi­li­sa­ti­on wirk­lich ist. (ohne Wer­tung)

    Dan­ke an JES­HOOTS­com für das Bei­trags­bild! (Pixabay)

  • Tagebuch,  Weltgeschehen

    Die Dinge beim Namen nennen.

    Als ich ges­tern las, dass der MDR Sach­sen titel­te: »Bezie­hungs­dra­ma in #Bad­Mus­kau: Mann über­gießt Frau mit brenn­ba­rer Flüs­sig­keit, um sie anzu­zün­den«, war ich nicht mehr nur genervt, son­dern wütend. Wenn man sich die Replys anguckt, war ich damit nicht allein, denn der MDR wur­de mehr als hin­rei­chend dar­über auf­ge­klärt, dass ver­such­ter Mord kein Bezie­hungs­dra­ma ist. Ich schau­te am Abend noch­mal vor­bei, weil ich mir eine Rich­tig­stel­lung erhofft hat­te. Es gab kei­ne. Und dann fiel mir ein­mal wie­der ein, dass auch ich etwas rich­tig­zu­stel­len habe.

    Als ich vor Jah­ren ins Inter­net schrieb »Mei­nen ers­ten Sex hat­te ich nicht viel spä­ter, weil mein Freund mei­nen Wunsch, nicht wei­ter zu gehen, igno­rier­te und sich kur­zer­hand nahm, was er woll­te«, habe ich den glei­chen Mecha­nis­mus bedient, wie der MDR heu­te – und zwar aus Scham. Ich mein, wer stellt sich schon gern hin und sagt: »Hal­lo Mama, hal­lo Chef, hal­lo Yoga­schü­ler und ent­fernt Bekann­te, nur damit ihr es wisst: Ich wur­de ver­ge­wal­tigt«?

    Es ist inter­es­sant, wie tief sich Scham und Furcht in Dei­ne Gedan­ken­welt gra­ben, wenn Du sexu­el­le Gewalt erlebt hast. Wie viel Über­win­dung mich die­se Zei­len jetzt kos­ten – wohin­ge­gen ich nicht ein­mal mit der Wim­per zucken wür­de, Gott und der Welt zu erzäh­len, wenn mir irgend­ein Ver­rück­ter auf der Stra­ße die Nase gebro­chen hät­te. Aber Ver­ge­wal­ti­gun­gen pas­sie­ren meist unten­rum. Da spricht man nicht so ein­fach drü­ber.

    Und das kommt auch nicht von unge­fähr. Frau­en, die von ihren Erfah­run­gen berich­ten, müs­sen oft durch wei­te­re Höl­len gehen. Ihnen wird nicht geglaubt, sie wer­den für selbst-schul­dig gehal­ten, in ihre Ein­zel­tei­le zer­legt, auf ihre Opfer­rol­le redu­ziert, bedroht und ins Zen­trum ver­nich­ten­der Dis­kus­sio­nen gestellt. Die Tat, der Täter – sie bei­de wer­den zur Mar­gi­na­lie. Als ich damals dar­über sprach, online gestalkt zu wer­den, dau­er­te es nur weni­ge Stun­den, bis mich die ers­te, sehr detail­lier­te Gewalt­an­dro­hung erreich­te. Die dar­auf­fol­gen­den Wochen wur­den zum Spieß­ru­ten­lauf.

    Und wenn ich jetzt ein­gangs erwähn­ten Satz rich­tig­stel­le, muss ich damit rech­nen, dass fort­an alles, was ich sage oder schrei­be oder tue, in die­sen Kon­text gesetzt wird. Aber well, so sei es. Das hier ist zur Not­wen­dig­keit für mich gewor­den. Ich möch­te nicht län­ger eine Tat ver­harm­lo­sen, die letzt­end­lich mein gan­zes Leben beein­flusst hat. Es ist mir schlicht unmög­lich, on-mat wei­ter­hin von per­sön­li­cher Inte­gri­tät und Wahr­haf­tig­keit zu faseln, wäh­rend ich online der­art gigan­ti­schen Bull­shit unkom­men­tiert las­se. Die letz­ten Mona­te und Jah­re las­sen mich hof­fen, dass wir auch gera­de als Gesell­schaft begin­nen, mit Furcht, Scham und Schuld auf­zu­räu­men – um lang­sam, Stück für Stück, unse­ren Fokus zu ver­schie­ben und die Din­ge end­lich beim Namen nen­nen.

    Mein ers­ter Freund hat mich ver­ge­wal­tigt. Und das hat­te exakt so viel mit Sex zu tun, wie ein Mord­ver­such mit einem Bezie­hungs­dra­ma.

  • Tagebuch,  Weltgeschehen

    #tgbchblggn: Traurig, Weltvegantag, Afflicted & ein Exkurs

    Trau­rig. Face­book erin­nert mich nun das zwei­te Jahr mit freund­li­chen Hin­wei­sen an den Nie­der­gang des Katz. Nicht, dass das nötig wäre, mein Herz blu­tet immer noch wie am ers­ten Tag, aber jedes Jahr aufs Neue zuse­hen zu müs­sen, wie er immer dün­ner und strup­pi­ger und weni­ger wird … Ich weiß ja nicht. (#imis­ses­him #ohso­much)

    Welt­ve­gan­tag. Zum Welt­ve­gan­tag begrüß­te mich mei­ne Twit­ter­ti­me­li­ne mit Pro­test­mett­bröt­chen und Trotz­steaks. Es gibt wenig, das mich so ent­täuscht wie die­ses kin­di­sche Kack­ver­hal­ten sonst sehr erwach­se­ner, klu­ger Men­schen; es fällt mir wirk­lich unge­mein schwer, da in mei­ner Mit­te, lie­be­voll und ruhig zu blei­ben. Klar, ich fin­de die »Go vegan!«-Parole auch nicht gera­de glück­lich, ein Impe­ra­tiv ist sel­ten ein gelun­ge­ner Ein­stieg für ein Gespräch auf Augen­hö­he, aber zeig mir bit­te den Sta­di­on­wurst­ver­fech­ter, der bei »Wenn Sie bit­te in Erwä­gung zie­hen wür­den, sich die gro­tes­ke Schei­ße anzu­se­hen, die Men­schen ande­ren Lebe­we­sen antun, und wel­che Kon­se­quen­zen das für die Umwelt und unser aller Zukunft hat? Und wenn Sie dar­über hin­aus viel­leicht sogar so freund­lich wären, ein klein biss­chen mit­zu­hel­fen und ein paar ein­fa­che Maß­nah­men für sich selbst ergrei­fen?« nicht schon vor Ende der ers­ten Fra­ge ein­ge­schla­fen ist. Viel­leicht machen die bei Edgar’s Mis­si­on da etwas sehr rich­tig, indem sie immer wie­der fra­gen:

    If we could live hap­py and healt­hy lives wit­hout har­ming others… why wouldn’t we?

    Und sei­en wir doch mal ehr­lich: So gehö­ren ja wohl Schwei­neoh­ren!

    ***

    Aff­lic­ted auf Net­flix. Wenn man schon krank und vol­ler Selbst­mit­leid auf der Couch lüm­melt, was könn­te da bes­ser pas­sen als eine Doku über chro­ni­sche Krank­hei­ten? Aff­lic­ted beschäf­tigt sich mit unsicht­ba­ren Erkran­kun­gen und beglei­tet meh­re­re Per­so­nen bei ihrer Suche nach Lin­de­rung und Hei­lung. Das hät­te rich­tig, rich­tig gut wer­den kön­nen, wenn die Doku nicht stän­dig mehr oder weni­ger unter­schwel­lig die Fra­ge auf­ge­wor­fen hät­te, ob es nicht viel­leicht sein könn­te, dass die­se Per­so­nen ein­fach nur ein biss­chen gaga sind.

    Ich habe mit Hash­i­mo­to selbst das Ver­gnü­gen einer Auto­im­mun­erkran­kung und hör­te schon häu­fig von Ärz­ten Sät­ze wie »Was Sie da haben, gibt es nicht« oder »Ich weiß nicht, was ich mit Ihnen machen soll«, und gleich­wohl mei­ne Ein­schrän­kun­gen im Ver­gleich abso­lu­te, fast lächer­li­che Pea­nuts sind, habe ich eine Vor­stel­lung davon, wie der Erfah­rungs­ho­ri­zont der Teil­neh­mer an die­ser Doku aus­se­hen mag. Dass ich trotz­dem in so ziem­lich jeder Fol­ge dach­te »das ist doch gespielt« oder »das bil­det sie sich doch ein« oder »naja, der Geist ist mäch­tig«, sagt eine Men­ge über a) mich selbst, b) mei­ne gesell­schaft­li­che Prä­gung und c) die Inten­ti­on der Serie aus.

    Und tat­säch­lich bekommt man den Ein­druck, dass die­se Men­schen ihr Heil vor­zugs­wei­se bei Quack­sal­bern Natur­heil­kund­lern sowie in alter­na­tiv­me­di­zi­ni­schen Ansät­zen suchen und all ihr Geld (und das ihrer Lie­ben) in Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel und frag­wür­di­ge The­ra­pie­me­tho­den ste­cken. Ein Umstand, den eini­ge Teilnehmer*innen selbst scharf kri­ti­sie­ren. Net­flix muss sich zurecht fra­gen las­sen, ob hier nicht bewusst ein Nar­ra­tiv geschaf­fen wur­de, das sich gut ver­kau­fen lässt – anstatt die Chan­ce zu nut­zen und Men­schen ernst zu neh­men, die an chro­ni­schen Krank­hei­ten lei­den.

    Exkurs: Im Yoga-Krei­sen ist es sehr üblich, gera­de­zu reflex­haft davon zu spre­chen, dass Krank­hei­ten oder Ver­let­zun­gen Bot­schaf­ten unse­rer See­le an uns selbst sind, und dass wir aus bestimm­ten Grün­den erkran­ken (die Krank­heit sozu­sa­gen zu uns rufen), um The­men auf­zu­lö­sen. Ich hal­te die­sen Ansatz für gefähr­lich, weil er dazu ver­lei­tet, den Grund einer Erkran­kung im Lebens­wan­del des oder gar im Men­schen selbst zu suchen und so eine Art Schuld­fra­ge ins Spiel zu brin­gen (was in der Regel das Letz­te ist, was ein chro­nisch kran­ker Mensch braucht).

    Als sich bei­spiels­wei­se vor ein paar Jah­ren ein chro­ni­sches Schmerz­syn­drom in mei­nen Hän­den mani­fes­tier­te, bin ich fast ertrun­ken in Frei­zeit­dia­gno­sen, die mir alle sag­ten, dass ich irgend­wie falsch sei. (»Oh, es ist dei­ne lin­ke Hand, das steht für Dei­ne männ­li­che Sei­te! Sie möch­te Dir sagen, dass sie über­stra­pa­ziert ist und Du ler­nen musst, Dei­ne Weib­lich­keit zu leben.«) Ich hin­ge­gen möch­te nicht wis­sen, wie man sich fühlt, wenn man ernst­haft erkrankt ist und mit der­ar­ti­gen lai­en­psy­cho­lo­gi­schen Bewer­tun­gen so wun­der­bar acht­sam erschla­gen wird.

    Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch: Ich hal­te es für abso­lut sinn­voll, über den blo­ßen Kör­per hin­aus­zu­schau­en. Den gan­zen eso­te­ri­schen Quatsch mache ich ja nicht aus Zufall. Von all mei­nen Zip­per­lein habe ich tat­säch­lich eine Men­ge mit­neh­men kön­nen – wofür es aller­dings über­haupt nicht nötig war, in der Sym­bol­kraft gott­ge­sand­ter Kör­per­bot­schaf­ten her­um­zu­sto­chern, son­dern mich schlicht zu fra­gen: Was gibt es hier zu ler­nen?