Kurz bevor wir zur Geburtstagsgesellschaft meiner Mutter fahren, um dort einen Imbiss zu uns zu nehmen, kommt es wie ein Donnerschlag über mich: Was ist, wenn sie Fleisch auftischt? Was mache ich dann? Ohgottohgott, Panik, hoffentlich gibt es Sättigungsbeilagen! Totgekochtes Gemüse in Rahmsauce! Baguette im Körbchen! Kräuterbutter! Irgendetwas!
Es ist das erste Mal, dass mein Bauchgefühl nicht auf Fleisch verzichten will, sondern es rundheraus ablehnt.
Tatsächlich gibt es kleine Spinat-Tartes als Vorspeise – und als Hauptgang eine mächtige Schinken-Quiche mit Beilagensalat. Schinken! Oh my, gerade Schinken.
Ich versuche es trotzdem. Ich esse von der Quiche, ich bin hungrig und will kein Tischgespräch über den Vegetarismus an sich, denn das hier, das ist mein Prozess, meine persönliche Entwicklung, sie gehört mir, ich gebe ihr keinen Namen und ich stelle sie nicht zur Diskussion. Kurzerhand mache ich den Mund auf und schiebe mir eine Gabel voll Ei mit Einlage hinter die Frontzähne, meine Zunge zerteilt routiniert die Masse, ich schmecke das Salz, ich schmecke den Schinken, ich fühle mich schmutzig.
Verwirrt lege ich meine Stirn in Falten und versuche einen zweiten Bissen; wahrscheinlich, weil der Gesellschaftsdruck so groß ist, und die Sozialisierung zu mächtig.
Es wird schlimmer. Ich ekle mich vor mir, ich ekle mich vor dem Schinken, ich ekle mich vor dem Gedanken, dass der Schinken einmal ein Schwein war und welcher Prozess aus dem Schwein einen Schinken machte. Ich denke an den Kalender mit den süßen, kleinen Ferkelchen, der in meinem Büro hängt – sie gucken niedlich in die Kamera, sie liegen kuschelnd nebeneinander, sie sind dreißig mal vierzig Zentimeter gedruckte Sweetness –, um mir anschließend ein Bild von mir selber zu machen: Wie ich da sitze, am Geburtstagstisch meiner Mutter, und Konsens heuchle.
Baguette im Körbchen. Kräuterbutter. Irgendetwas.