Da ist der King of Pop jetzt tatsächlich ein ganzes Jahr schon nicht mehr unter uns. Ist das zu glauben?
Da ist der King of Pop jetzt tatsächlich ein ganzes Jahr schon nicht mehr unter uns. Ist das zu glauben?
Seit Tag 1 der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko schaue nicht mehr fern.
Ich bilde mir ein zu wissen, wie eine Ölpest aussieht. Das hier ist schließlich nicht meine erste Ölpest, ich habe schon als Zehnjährige anlässlich der Katastrophe am Persischen Golf einen hysterischen Tobsuchtsanfall vor dem Fernseher bekommen, und seit 1991 sind noch so oft so viele Tonnen Öl an Orten geflossen, wo niemals hätte Öl fließen dürfen, dass es mir das Herz bricht. Das soll keineswegs kitschig klingen – es tut mir unendlich weh, den Pflanzen, den Tieren, dem Meer beim Sterben zuzusehen. Wie alles verklebt, verätzt wird, erstickt.
Daher vermeide ich es großräumig, hinzusehen. Ich weiß, wann ich mich – mein Seelenheil – schützen muss.
Dann gibt es aber immer wieder diese Momente, in denen mich meine politisch korrekte Mitverantwortung als dankbarer Nutznießer der Ölindustrie im Nacken packt. In denen ich mir in meiner eigenen kleinen Machtlosigkeit so unglaublich schäbig vorkomme. In denen ich fürchte, dass mich das Nicht-Hingucken zu einem schlechten Menschen macht. Ich atme dann tief durch, nehme all meinen Mut zusammen, klicke auf einen Link –
und dann weine ich einfach nur noch.
Foto: dredwardhaight (Lizenz) – Danke!
Mein Mund ist in einfältiger Kraftlosigkeit leicht geöffnet, mein Kopf wackelt schief, meine glasigen Augen greifen in die Leere, während meine verwunderten Lippen ein „Hä“ formen.
Was Sie jetzt hoffentlich vor Ihrem inneren Auge sehen, ist mit Worten schnell erklärt: Es ist das Scheißefinden an sich, das mich derzeit wie ein hilfloser Trottel dastehen lässt. Voller Unverständnis blicke ich in die Gesichter der Unglücklichen, die Missgunst für eine Tugend halten, und verstehe ihre Welt nicht mehr.
Sobald eine kleine Freude das Tageslicht erblickt, ob undschuldig oder nicht, steht das Scheißefinden parat und bereitet mir Kopfschmerzen. Setzt sich geradezu parasitesque auf mein Wohlgefühl. Verklebt mein Glücksgefieder mit seiner öligen Suppe aus Häme und Schmach. Ist es wirklich so erstrebenswert, alles zu Tode zu hinterfragen, alles mürbe zu kritisieren, jede Blüte nach einem Staubkorn abzusuchen, an jedem singenden Mädchen ein mediensteifes Brustwärzchen zu finden? Ich sage nein. Denn: Scheißefinden macht Mundwinkel aus Teer. Schmierig. Dunkel. Durchdringend müffelnd.
Ich kann das alles so umfassend nicht mehr ertragen, dass ich nicht umhinkomme, meinem eigenen Scheißefinden Ausdruck zu verleihen. Kinder, freut euch doch mal. Geht raus, tanzt, macht mal etwas Unbeschwertes. Steckt euch gegenseitig die Finger in die Ohren, lutscht Sand, schreibt nicht nur möglichst poetisch über die Schönheit eines Kinderlachens, sondern lacht es selber. Es ist ja nicht mit anzusehen, wie sehr ihr euch in eurem Unglück gefallt.
Es gibt eine Zeit des Outputs und es gibt eine Zeit des Inputs. Ich halte es derzeit mit dem Input. Lese Bücher. Lese Twitter. Lese Anke. Sie sollten auch Bücher lesen. Vielleicht Twitter. Aber auf jeden Fall Anke.
Was wollt ich? Achja. Also – ich habe gerade einen flüchtigen Moment des Outputs. Und den habe ich, weil mir mein gebäckfetter Arsch am gestrigen Abend aus Freundschaft platzte. Zugegeben, eine etwas überzogene Reaktion, ging es schließlich nur um einen doofen Artikel („der“) vor einem in orthografischer Hinsicht völlig entstellten Wort („Beebie“), aber es ist nun mal kleinkarierte Eigenanspruchsdenke, die mich allerorts so fuchsig macht.
Da gibt es doch wirklich jemanden, der einem anderen Jemand in wunderbarer Bloggermanier (aka „Ich will ja nicht mit dem Finger zeigen, ich bin ja nicht böse, und eigentlich ist es mir egal, weil es ja keine Rolle spielt, aber nun ja, ich muss halt trotzdem in diese Taste hauen, weil ich ja weiß, dass ich im Recht bin, und wo kämen wir denn hin, wenn ich nicht doch irgendwo zwischen den Zeilen meinen Anspruch unterbrächte – aber politisch und sozial natürlich völlig unangreifbar und überaus korrekt, man ist ja schließlich nicht in Arschlochhausen und reicht sich die Nutella auch mit einem ‚das‘ davor, du.“), also da gibt es doch wirklich jemanden, der einem anderen Jemand vorwirft, ihn nachzuahmen, indem er ebenfalls den Begriff „Baby“ zu „Beebie“ verzerrt und den Artikel „der“ voranstellt, um so seinen Nachwuchs zu bezeichnen.
Und jetzt tun Sie mir den Gefallen und googeln Sie nicht, ich schreib das hier nicht für Zunder und Fingerzeig, sondern als Überleitung auf diese Hegemann-Sache, war ja klar, dass auch ich meine 2 Cent noch in das eh schon überfüllte Sparschwein quetschen muss.
Das Echo, das Helene Hegemann entgegenweht, ist hart, aber blöderweise nun mal verständlich. Weichgespülte Realitätsferne („Das arme Kind. Sie ist ja noch fast ein Welpe! Haben wir nicht alle unsere Fehler gemacht, damals?“) hilft da keinem weiter; wer ganze Absätze copypastet und nur hier und dort ein Wörtlein lupft, stellt sich nun mal sehenden Auges in den Sturm. Was natürlich nicht heißt, dass man mit einem Orkan rechnen muss, da darf man auch mal ruhig ein wenig Mitgefühl mit der Jungautorin haben – aber doch bitte nicht des Alters wegen. Vielleicht eher, weil sie als einzelner Mensch jetzt im Zentrum einer Diskussion steht, die so schwierig zu führen ist und die Gemüter heiß macht, weil da ja noch ein Papa und ein Verlag und die ganze Metadiskussion um das Internet und Literatur mit dranhängt.
Und auch wenn ich die Grenze zwischen Inspiration und Ideenklau hier eindeutig für überschritten halte, brodelt’s auch in diesem Thementöpfchen, und allerlei geschätzte Literaten werden verglichen, was das Zeug hält. Frau Hegemann hat einen Nachteil, den vor ihrer Zeit niemand hatte: Heute ist es wesentlich leichter, Plagiate zu entdecken, als je zuvor. Und es ist ebenso leicht, sie gewaltig auffliegen zu lassen. Uns steht da noch so einiges an Metageschwurbel ins Haus: Wie viel ist ohne Namensnennung ok, wie wenig gilt noch als Inspiration – und ich glaube nicht, dass es da ein Maß gibt, das wir finden und auf das wir uns einigen könnten. Wir können es ja noch nicht mal bei einer Textmenge von 140 Zeichen.
Es gibt immer mal wieder die Meinung bei Twitter, man müsse seine (Wortspiel-) Tweets vor Veröffentlichung googeln – nur für den Fall, dass jemand schon vorher die selbe Idee hatte. Um die Gefahr auszuräumen, die Timeline mit einem Plagiat zu befüllen. Ein hehrer Gedanke, jedoch reichlich übertrieben, wenn man mich fragt. Ginge es darum, müssten wir wohl alle jetzt(!) sofort(!) verstummen, denn ich bin mir sicher, dass alle Wortspiele bereits gemacht wurden und jede sprachliche Idee ihre bereits veröffentlichten Verwandte hat.
Erst kürzlich twitterte eine geschätzte Verfolgte etwas knackiges, das ich in ähnlicher Weise bereits vor einem Jahr twitterte – oh weh! Als ich sah, dass dieser Tweet in einer Stunde mehrere Dutzend mal gefaved wurde, während mein Eigener nach einem Jahr gerade mal die 50-Sterne-Grenze durchstieß, da guckte ich schon ein bisschen sauertöpfisch drein. Das war mein Moment kleingeistiger Eitelkeit, meine Sekunde des Alleinanspruchs auf meiner Idee. Und als diese Sekunde vorbei war, fand mich fürchterlich armselig.
Text und Design, das sind Herzenssachen. Natürlich ärgern wir uns über Plagiate. Natürlich schützen wir unsere Marken. Aber zufällige Wiederholung kleinster Wortspiele? Allerweltsbegriffe? Durchschnittliche Kosenamen?