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11. Aug 2011 (N66)
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Jenseits meiner Dachschräge grasen eine Handvoll Lamas und Ponys. Auf dem Dach des Zeltes wehen vier Deutschlandfahnen, und die kompakte Frau aus dem dritten Wohnwagen von links hat ein kleines Haustier, das Rocky heißt und heute früh weggelaufen ist. Es sieht von meinem Fenster her aus wie ein wild gewordener Wattebausch, aber ich glaube, es ist ein Chihuahua.
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Am Berghang, etwa 20 Kilometer von hier, stirbt eine Oma. Ihr nur noch sehr winziger Körper liegt in einem Bett mit direktem Blick auf die Drachenburg und ist trotz all der Aussicht überall gelb. Auch das Weiß ihrer Augen ist gelb; es ist merkwürdig, wie allumfassend gelb so ein Mensch sein kann, als hätte man ihn mit Safranfäden abgerieben. Nur die Handflächen sind nicht gelb, sie sind auf wundersame Weise so rosa wie eh und je, überhaupt scheinen die Handflächen der einzige Teil an den 35 Kilo Oma zu sein, der noch irgendwie Kraft hat.
Es kommt einem fast unwirklich vor, dass in diesem bisschen Körper noch eine Frau stecken soll. Aber sie ist da, trotz Morphin immer wieder wach und klar, und sagt, dass sie nicht mehr will. Aber ihr Körper ist stur, so stur wie sie einstmals war, und lässt sie nicht so einfach gehen. Ich frage mich, warum man diesem wundgelegenen und unheilbaren Körper nicht die Sturheit austreiben, der Oma nicht beim Sterben helfen darf.
Ich wünschte, ich würde nicht mehr aufwachen.
Ich hoffe, dein Wunsch geht in Erfüllung. Schlaf schön.
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Der Apfelbaum auf dem Balkon hat uns dieses Jahr 18 Äpfel geschenkt. Sie sind wunderbar frisch, süß-säuerlich und von einer ganz merkwürdigen Konsistenz, nicht fest und saftig wie die fünf Jahre zuvor, aber auch nicht mehlig – eher schwammartig, aber auf eine knackige Art. Es ist schwer zu beschreiben.
07. Feb 2011 Heimat.
Meine Oma hatte ein Häuschen. Es war sehr klein – so klein, dass es nur Platz für eine Wohnstube, eine Küche, ein Schlafzimmer, ein Gäste-WC, Treppe, Bad, Flur und natürlich für meine Oma bot. Es hatte eine herrliche Lage, direkt im Hang, und von seinem Garten aus konnte man über das ganze Dorf blicken. In diesem Garten stand – tagein, tagaus – meine Oma, den Kittel eng um die Hüfte geschlungen, und pflegte ihr Gemüsebeet. Früher mag sie gemeinsam mit Ihrem Mann dort gestanden haben, doch daran erinnere ich mich nicht, denn er starb, als ich erst wenige Wochen alt war. Aber ich weiß, dass er die drei Obstbäume pflanzte, deren Früchte ich direkt vom Boden aß, während ich meiner Oma beim energischen Beschreiten ihres Reiches zuschaute.
Obwohl meine Oma nicht mehr arbeiten ging, hatte sie den ganzen Tag zu tun: Sie kochte, hängte Wäsche auf die Leine, ermahnte mich, wenn ich beim Toben auf der Außentreppe zu wild wurde, und kratzte vermooste Fugen sorgfältig mit einem Messer sauber.
Hin und wieder, wenn sie mit der Arbeit fertig war, nahm sie mich bei der Hand und ging mit mir den Rest des Hanges hinauf, um das Grab meines Opas zu besuchen. Ich freute mich immer auf diese Grabbesuche, denn dann durfte ich alleine, nur mit einer Gießkanne bewaffnet, über den Friedhof schweifen und in aller Ruhe die mysteriösen Gräber unbekannter Menschen bewundern. Meine Oma brachte währenddessen mit einer kleinen Harke die Erde auf Opas Grab in Form und entzündete ein neues Grablicht. Nach getaner Arbeit sprachen wir gemeinsam ein leises Vater Unser und riefen „Tschüss Opa!“, um wieder Hand in Hand die gewundenen Straßen hangabwärts zu gehen.
Auf dem Weg machten wir immer wieder Halt, denn hinter jedem Gartentor wartete ein neuer Plausch mit einem alten Nachbarn; jeder kannte jeden, und meiner Oma hatte man immer besonders viel zu erzählen.
Nachts schlief ich in ihrem Bett – auf Opas Seite natürlich – und während wir das Abendgebet sprachen, bewunderte ich stets die Überdecke aus Chiffon, die sie nur locker über ihre eigene Betthälfte zurückgeschlagen hatte. Sie blieb dann noch einen Moment bei mir sitzen und streichelte meine Hand, bevor sie den Kittel auszog und wieder hinunter in die Wohnstube ging, um die Musiktruhe einzuschalten – aber nicht ohne mir zu versprechen, die Tür einen Spalt offen zu lassen, damit ich mich im Dunkeln nicht fürchten musste. Aber ich fürchtete mich gar nicht, denn ich wusste: Ich bin in Omas Haus, und es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem ich sicherer wäre.
Am Morgen weckte mich schon früh der Duft von frisch geschnittener Petersilie, und ein neuer Tag zwischen Keller, Garten und Wäscheterrasse konnte beginnen.
Als ich dann 5 Jahre alt war, meine Mutter einen neuen Mann heiratete und ein neues Leben beginnen wollte, verkaufte meine Oma ihr Häuschen, um unserer Familie in 40 Kilometern Entfernung ein großes, neues Heim mit Garten zu ermöglichen. Sie zog in die winzige Einliegerwohnung im Erdgeschoss, erhielt lebenslanges Wohnrecht und die Aufgabe, sich nach der Schule um mich zu kümmern, während meine Eltern Vollzeit arbeiteten. Opas Grab besuchten wir alle paar Monate.
Nachdem 6 Jahre vergangen und die Ehe meiner Eltern unwiederbringlich zerrüttet war, verkauften sie das große, neue Haus, um die Schulden nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen. Meine Oma zog in eine kleine Wohnung ohne Garten in einer 600 Kilometer entfernten Stadt, um in der Nähe ihrer weiteren Verwandten leben zu können. Ihre kleine Rente besserte sie von nun an auf, indem sie das Haus ihres Vermieters putzte. Zu Opas Grab fuhren wir nur noch, wenn sie alle paar Jahre zu Besuch kam.
Einige Jahre später starb ihr Bruder, plötzlich und unerwartet. Nachdem die Familie, auf diese Weise ihres Rückgrats beraubt, immer mehr auseinanderfiel, blieb meiner Oma nur noch ihre Schwester. Schließlich wurde meine Oma krank. Zu Opas Grab fuhr niemand mehr.
Am Ende, als ich 27 Jahre alt und sie nur wenige Tage davon entfernt war, 80 zu werden, starb meine Oma, allein auf der Station eines Stadtkrankenhauses und ohne dass ihr jemand die Hand gehalten hätte.
Nun, was ist Heimat?
Heimat ist ein weiß getünchter Keller, in dem es gleichermaßen nachWaschmittel und feuchten Mauern riecht. Ein Mirabellenbaum, in dessen Schatten eine Katze schläft. Die zum Gruße erhobene Spitzhacke im Nachbargarten. Ein tiefes Spülbecken aus beschädigter Emaille, Schürzen auf Haken und Prilblumen an der Wand. Schwere, dunkle Erde, in der süße Bohnen und bunte Kräuter heranwachsen. Und ein großes Bett unter dem eigenen Dach.
Heimat ist, was meine Oma für mich aufgab, noch bevor ich es buchstabieren konnte.
04. Sep 2010 Was mir lieb war.
Nebenan stirbt in diesem Moment ein Stück Feldrand, damit Anfang nächster Woche die Bodenplatte für ein Eigenheim gegossen werden kann. Die Bauherren, ein junges Ehepaar und in nicht mehr allzu langer Zeit zu dritt, führen Freischneider und Säge selbst, während sie mit offener Miene jeden potentiellen Zukunftsnachbarn freundlich grüßen. Ich aber meide möglichst unauffällig den glücklichen Glanz ihrer Augen, mit dem sie genau die Bäume köpfen, denen ich 6 Sommer lang beim Wachsen zugeschaut habe. Metall durchtrennt kreischend die schönen Jahresringe, und ihr Schmerz läuft mir in Tränen über das Gesicht.
In den letzten Tagen habe ich oft auf ein leeres Eingabefenster gestarrt. Anfangs, weil ich erzählen wollte, was die Tragödie in Duisburg letzten Samstag mit mir gemacht hat. Mehr und mehr habe ich aber gemerkt, dass ich befangen bin. Dass ich mich immer weniger traue, zu irgendwelchen Anlässen auch nur irgendwas zu sagen, denn: Entweder ist die Trauer zu groß oder zu klein, die Betroffenheit zu lang anhaltend oder zu kurz (und damit zu unecht), die Betrachtung zu oberflächig oder zu tiefschürfend, die Form zu überdimensioniert oder in ihrer Zeichenbeschränktheit zu unangemessen, die innere Haltung zu gefühlsbetont oder zu sachlich. Ich bin nicht mehr frei, weil jede Rührung einer Bewertung unterliegt.
Während der WDR-Berichterstattung direkt nach dem Unglück wurde ein Kameraschwenk über die Autobahn neben dem Loveparade-Gelände gemacht, auf der Mike Litt versehentlich im Bildrand stand und lachte. Wenige Minuten zuvor hatte er noch mit entsetztem Gesichtsausdruck berichtet – und nun ein Lachen? Ich war geradezu erleichtert. Weil da ein Mensch stand, ein echter, mit echten Gefühlen, einer, bei dem neben Entsetzen, Trauer und Sprachlosigkeit ein Lachen Platz hat. So sind Gefühle glücklicherweise; sie sind frei und unabhängig von Maßstäben und retten uns damit in schwierigen Situationen den Arsch.
Was mich in unserer kuscheligen Onlinewelt hingegen nur allzu oft verstört, ist der Zynismus – und dass er zum guten Ton zu gehören scheint. Er kommt mir vor wie das weiße Porzellan mit Goldrand in den gutbürgerlichen Verhältnissen, in denen ich aufwuchs. Oder wie der sorgfältige Handkantenknick im Sofakissen. Wie ein Zeichen für intellektuellen Wohlstand, sozusagen. Dieser Zynismus ist etwas, mit dem ich persönlich nicht zurechtkomme; er schreckt mich ab. Jedoch: Ich möchte niemandem diese Art des Umganges mit [Wasauchimmer] nehmen oder ihm seine Sinnhaftigkeit absprechen, denn das steht mir nicht zu. Und damit sind wir auch in diesem Punkt wieder am Anfang – nämlich da, dass ich lieber gar nichts sage.
Es ist nicht so, dass ich mich wohl damit fühle. Oder dass ich das Bedürfnis habe, es jedem Recht zu machen. Ich habe nur Angst vor den Schnappreflexen; vor meinen eigenen und denen der Anderen. Davor, dass ich einem Impuls nachgebe, eine Nachricht oder ein Gefühl teile – und mir plötzlich ein völlig Fremder in womöglich herablassender Haltung und mit hochgezogener Augenbraue begegnet, um seinen eigenen, persönlichen Maßstab anzulegen.
Da bin ich zu dünnhäutig für.
Und für diesen Kampf bin ich auch gar nicht hier.
Ach, und lesen Sie doch auch bitte Das Lachen nach dem Schluss.
Und Silenttiffys Kommentar dazu auch.
Titel geliehen von Kettcar, Einer. Danke! ♫
Haha, ich werde vergesslich. Das hattich doch schon mal, nur anders.