Lolita
Vladimir Nabokov (Autor), Helen Hessel, Maria Carlsson, Kurt Kusenberg, H. M. Ledig-Rowohlt & Gregor von Rezzori (Übersetzer)
★★★★★★☆☆☆☆
Uff. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Lolita lese. Erstmals riss ich mir das Buch im Alter von 15 Jahren unter den Nagel; ich erinnere mich, seine Großartigkeit erkannt, es aber auch als überraschend harmlos, einigermaßen wirr und recht spannungsarm empfunden zu haben. Heute, ein halbes Leben später, habe ich nach wie vor ein zwiespältiges Verhältnis zu dem Buch – jedoch aus anderen Gründen.
Lolita in brutaler Kurzfassung: Der Literaturwissenschaftler Humbert Humbert fühlt sich von einem bestimmten Typ weiblicher Kinder im Alter zwischen 9 und 14 hingezogen und heiratet deshalb die Mutter der 12-Jährigen Dolores »Lolita« Haze, in der Hoffnung, dem Mädchen dadurch sowohl dauerhaft als auch unauffällig nahe kommen zu können. Kurz darauf kommt seine Frau bei einem Unfall ums Leben, und so hat er die Stieftochter von nun an ganz für sich allein – eine Reise quer durch die USA beginnt. Eine Reise, während der Humbert Humbert seinen Neigungen größtenteils ungestört nachgehen kann und Lolita jahrelang missbraucht – nicht nur in sexueller Hinsicht.
Während man also mit Vater und Tochter gemeinsam im Auto sitzt und von Motel zu Motel reist, lernt man Humbert (den Ich-Erzähler) und Nordamerika (heimlicher Star des Roadmovies Lolita) ziemlich genau kennen – nur Lolita, die bleibt erstaunlich blass, denn Humbert malt sich lediglich ein eigenes, stereotypes Bild seiner Geliebten
, versucht vergeblich, sie von Kleidung bis Tennisunterricht nach seinem Geschmack zu formen und behandelt sie vorwiegend wie störrisches Nutzvieh. Es ist kein Wunder, dass er, und mit ihm auch der Leser, selbst am Ende der Reise nur wenig über ihre Gefühlswelt weiß.
Einerseits handelt Humbert manipulativ und völlig rücksichtslos – andererseits gibt es nichts, was er so mannigfaltig schildert, wie seine überschwängliche Liebe zu dem Mädchen. Sein körperliches Verlangen stellt er als fast unschuldige Neigung und als Ausdruck tiefempfundener Zärtlichkeit dar, die er schließlich nur eine gewissse Zeit genießen kann – denn Lolita wird älter und entwächst langsam dem Kindchenschema. Die Zwietracht, die Humbert mit diesen Wiedersprüchen und der eigenen Verzweiflung sät, hat mich an dem Buch am meisten mitgenommen. Tatsächlich gelingt es ihm, mich Mitgefühl empfinden zu lassen, wo objektiv betrachtet Verachtung und Ekel angebracht wären. Manchmal erkennt jedoch auch Humbert das Krankhafte, das Zerstörerische seiner eigenen Taten: Momente, die ihn besonders unangenehm menschlich machen.
Während man sich im Laufe der Reise immer mehr wünscht, die Geschichte möge eine Wendung erfahren, die Lolita letzten Endes Glück beschert, wird Humbert immer wahnhafter, paranoider, wirrer. Die pathologische Obsession, die er für Liebe hält, wird mehr und mehr durchsetzt von selbstzerstörerischen Zügen, und die seltenen Ausrisse, die kurzen Augenblicke, in denen Humbert Einblick in Lolitas Leiden gewährt, setzen die gesamte Szenerie in ein zutiefst verstörendes Licht. Zuletzt verspürte ich einen starken Widerwillen, mich diesem kranken Geist weiterhin auszusetzen. Es mag sein, dass das dazu beigetragen hat, dass ich das letzte Viertel als geradezu traumhaft wirr und grotesk empfand. Obwohl es logisch ist, dass sich der Kontrollverlust Humberts auch in erzählerischer Hinsicht manifestiert, habe ich mich regelrecht durch die letzten Kapitel quälen müssen.
Keine Frage, Sprache und Erzählkunst von Lolita sind bemerkenswert, das Buch hat eine beeindruckende Ästhetik, und bei aller Abscheu vor Humbert finde ich die lebhaften Assoziationen und den trockenen Humor Nabokovs einfach umwerfend. Ich habe gespürt, dass Lolita voller Anspielungen auf andere Werke steckt, und habe mehrfach bedauert, noch die gleiche, uralte (im Bleisatz gesetzte!) Ausgabe ohne Fußnoten zur Hand gehabt zu haben, wie vor 15 Jahren. Allein die vielen französischen Einschübe haben mich recht ratlos hinterlassen, da mein Französisch gerade mal für ein souveränes Je ne parle pas français!
ausreicht. Kurzum: Ich habe es nicht bereut, Lolita noch einmal gelesen zu haben, bin aber heilfroh, da nicht noch einmal durch zu müssen.
Ich kam durch Isa auf die Idee, Lolita ein zweites Mal zu lesen – nur um zu verifizieren, dass ich wirklich jemand bin, der es definitiv nicht liebt.