Vor einiger Zeit bestellten der Mann und ich Pizza. Wir überschlugen grob, dass der Preis der Pizzen inklusive der zusätzlichen Belagzutaten bei 14,50 Euro liegen müsste – was praktisch war, denn wir hatten überraschenderweise nur noch 15 Euro im Haus. 50 Cent Trinkgeld für den Pizzaboten also. Wir waren uns unsicher: 50 Cent, reicht das überhaupt? Eigentlich ist das nicht wenig Geld für eine durchaus überschaubare und eh schon arbeitgeberseitig monetär entlohnte Leistung, aber gemessen an der Regel, im Gastronomiesektor etwa die Hälfte der Mehrwertsteuer als Dank für guten Service hinzuzurechnen, deutlich unterdimensioniert.
Dann sah ich diese Sendung, und was eigentlich direkt auf der Hand lag, ging mir im Geiste wie ein Feuerwerk auf: Traditionsgemäß bekommt der nette junge Mann, der sich als Pizzabote ein Beibrot verdient, ein anständiges Trinkgeld – wohingegen der Paketbote, der seinen Lebensunterhalt mit schwerer Paketschlepperei bestreitet, mit einem freundlichen Danke!
vorlieb nehmen muss. Wenn er Glück hat.
Wenn er Pech hat, ist er Teil eines Systems, das die Menschen gnadenlos ausbeutet, die mir meine Onlineeinkäufe so praktisch und schnell nach Hause liefern – und bezahlt sein beschämend geringes Einkommen mit nichts weniger, als mit seiner Gesundheit. Natürlich unterscheiden sich die einzelnen Paketdienste diesbezüglich voneinander, doch setzen auch Logistiker immer häufiger auf Subunternehmer, die selber nur selbständige Fahrer engagieren, die wiederrum ihr eigenes Kapital (Körper, Karre, Kraftstoff) einbringen müssen, um die Fuhren auszubringen. Man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Pakete ausgefahren werden müssen, damit für jeden in dieser Kette Einkommen übrig bleibt.
Ich hingegen zahle in der Regel gar nichts dafür, dass dieser Mann seinen (oder in Ausnahmefällen: diese Frau ihren) Job macht: Ich kaufe meist dort ein, wo Versandkosten ab Summe X entfallen, und bin zudem auch noch Amazon-Prime-Mitglied. Zudem scheint intensives Onlineshopping auch beim Durchschnittsverbraucher angekommen zu sein, denn mittlerweile nehme ich an manchen Tagen so viele Pakete für mich und meine Nachbarn an, dass es sich lohnt, Logistikerbingo zu spielen: DHL, dpd, Hermes, UPS, gls – BINGO! Vom praktischen Federgewicht bis zur höllisch schweren und sperrigen Tiernahrungslieferung ist alles dabei und wird mir direkt in den zweiten Stock getragen, meist ohne zu klagen oder allzu genervt zu schnaufen.
Jahrelang habe ich mich nur bedankt, vielleicht an besonders heißen Tagen auch mal ein Glas Wasser angeboten – aber auf die Idee gekommen, mich persönlich bei diesen Menschen erkenntlich zu zeigen, bin ich nicht. (Ausgenommen das eine Mal, als wir dem DHL-Boten eine Weihnachtskarte schrieben und einen 5-Euro-Schein beilegten – eine an sich schöne Idee, die es aber irgendwie nicht in die Folgejahre schaffte.)
Von der Reportage aufgerüttelt, haben wir mit etwas begonnen, von dem ich erst Angst hatte, dass es gönnerhaft wirken könnte: Wir gaben Trinkgeld. Für jedes Päckchen, das an uns adressiert war, wechselten plötzlich 50 Cent ihren Besitzer, und alle Boten waren in erster Linie eins: Überrumpelt. Sie waren es so offensichtlich nicht gewohnt, dass man sich bei ihnen bedankt, dass manche von ihnen vor lauter Lächeln fast hinten übergefallen wären. Sie schienen davon überrascht, überhaupt persönlich bedacht und wahrgenommen zu werden, vielleicht haben sie auch einfach nicht damit gerechnet, dass man ihnen ohne geschäftlichen Zweck in die Augen schaut und einen kleinen Moment Freundlichkeit schenkt. Wie schrecklich ist das bitte? Da hetzt Tag für Tag eine Armee schwer bepackter Menschen von Haustür zu Haustür, spart uns allen viel Zeit und Geld, und hat wirklich keinerlei Routine darin, etwas Trinkgeld entgegenzunehmen?
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich kann und will auf diesem Wege nicht kompensieren, dass Paketboten schlecht entlohnt werden; ich bilde mir auch nicht ein, dass meine 50 Cent am Ende des Tages ihre Lage verbessern. Aber wenn ich schon lediglich via Mischkalkulation für ihre Arbeit bezahle, dann will ich wenigstens signalisieren: Ihr tut da etwas für mich, das ich sehr schätze. Danke, dass ihr mir meine Pakete bringt und dabei freundlich seid. Nach meinem Verständnis hat ein Paketbote das nämlich genauso verdient, wie ein Kellner, Taxifahrer – oder eben Pizzabote.