Eigentlich sollte alles so einfach sein mit mir und Gemüsekisten-Man. Einmal wöchentlich sollte er biologisch angebautes, saisonales und bevorzugt regionales Obst und Gemüse in eine Kiste packen, passende Rezepte dazulegen und mir in die gierigen Händchen drücken, auf dass alles proximal meines Tellerrandes stetig mit neuen Geschmackserlebnissen gefüllt werden würde. Ein nur augenscheinlich hürdeloses Unterfangen, wie sich herausstellte, denn: Gemüsekisten-Man treibt mich zum Wahnsinn.
Es begann damit, dass ich die Worte Ich hol die Kiste selber ab!
in rosmarinschwangere Bioladenluft sprach. Schließlich befinden sich Gemüsekisten-Mans Markträumlichkeiten in der direkten Nachbarschaft, und so ein bisschen Bewegung passt ja auch wie gemalt zu einem nachhaltigen Ernährungskonzept. Leider stellte sich in den Folgewochen schnell heraus, dass man unter diesen Umständen auch von mir erwartete, dass ich mehr als nur die Kiste kaufte – selbst wenn ich bereits mit allen Gütern des täglichen Bedarfs ausgestattet war. Gemüsekisten-Mans Olle quittierte mein unbeschwertes Danke, nein, wirklich nur die Kiste
jedenfalls stets mit ausgesprochen miesepetriger Mundwinkelakrobatik.
Dann, es muss die unglückselige Woche 5 gewesen sein, befand sich ein wahnsinnig exotisches Gemüse in der Kiste, von dem ich wusste, dass es sich um einen Import aus südamerikanischen Gefilden handeln musste. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte Gemüsekisten-Man, der eben noch seiner pradabekleideten Elitekundin Kaffee-Käse aus [Bergkloster], dessen Geschmackskonzept er so dermaßen abstrus fand, dass er ihn unbedingt haben musste
schmackhaft machen wollte, nach den Gründen für diese ungewöhnliche Gemüsewahl – denn schließlich wollte ich die Kiste ja in erster Linie des biologisch-regionalen Aspektes wegen. Ich erspare Ihnen und mir die Wiedergabe des recht unerfreulichen Dialoges, der einseitig in betont jovialem Tonfall nebst ausdrücklichen Endsilbeneinsatzes geführt wurde und zu keinem anderen Ergebnis führte außer Unsere Kundschaft schätzt und möchte das so
. Aha.
Schon in der darauffolgenden Woche kam es zum offenen Eklat – denn ich besaß die Unverfrorenheit, meine Unsicherheit ob der vollständigen Bestückung der dieswöchigen Kiste zu äußern. Gemüsekisten-Mans Olle litt schlagartig unter entrüsteter Schnappatmung und begann wutschnaubend damit, den vollständigen Kisteninhalt in aller Sorgfalt und Lautstärke erneut abzuwiegen, während mich die nahe der Kasse befindlichen Miteinkäufer über ihre ökologisch völlig okayen Weidenkörbe hinweg wie einen genetisch veränderten Mistkäfer anstarrten. Ich hätte nur zu gerne mein Bedauern darüber geäußert, dass ich ihr ganzheitliches Einkaufserlebnis so empfindlich störte, war jedoch aus Schamgründen sehr an ausgiebiger Maulhaltung interessiert. Der Kisteninhalt lag mit 43 Cent nur knapp unter seinem Wert, und ich verließ fluchtartig die Lokalität – auf ewig als kleinliches Kapitalistenschwein gebrandmarkt. Ach, hätte ich doch nur geahnt, dass mich ein unschuldiges Oh, das ist ja diesmal recht übersichtlich!
und die freundliche Nachfrage Haben Sie da vielleicht etwas vergessen oder ist eines der Gemüse besonders teuer?
nachhaltig zur Persona non Grata erklären würde!
In der Folgewoche traute ich mich trotzdem wieder in die Höhle der Mittelstandsintellektuellen. Schließlich hat jeder einmal einen schlechten Tag, und hey – ich wollte doch nur das verdammte Gemüse und keinen Anschluss an den örtlichen Mutter-Erde-Betkreis mit Eloquenzbonus. Diesmal gab es ein Problem mit meiner EC-Karte, und so niedrige Beträge würde man ja eh nur sehr ungerne …
. Nachdem ich mich nachdrücklich zur Barzahlung hatte nötigen lassen, fällte ich den Entschluss, mir diesen Spießrutenlauf künftig zu ersparen und bat um Lieferung und Bankeinzug.
Am folgenden Mittwoch klingelte es kurz nach halb elf an der Türe. Ich stürzte so schnell es ging zur Gegensprechanlage und fragte mein übliches Ja bitte?
.
Stille.
Hallo?
Stille.
Hallo!?
Noch mehr Stille.
Ein paar Grübelmomente später schwante mir, dass das Gemüsekisten-Man gewesen sein musste – schließlich war mir die Lieferung für den Vormittag avisiert worden. War ich nicht schnell genug an der Tür gewesen? War er jetzt etwa weitergezogen? Oder konnte es wirklich sein …
… dass Gemüsekisten-Man seine Kiste direkt vor die Haustür gestellt hat, um ton- und grußlos, sozusagen klingelnderweise, wieder seiner geschäftigen Wege zu gehen? Zwei hinunter gehastete Etagen später bestätigte sich dieser Verdacht, und ich blieb ganz sprachlos ob dieser groben Unhöflichkeit zurück.
Anstatt also einen fliegenden Wechsel zwischen leerer und gefüllter Kiste nebst freundlichem Dreisekundenplausch vorzunehmen, fand von nun an ein anonymer Materialaustausch ohne persönlichen Kontakt vor der Haustüre statt. Und was soll’s, ich war Gemüsekisten-Man nicht einmal böse – schließlich konnte er ja auch nichts davon wissen, dass mehrfach täglich klingelnde Post- und Paketboten den Schwierigkeitsgrad dieses lustigen Klingelspielchens für mich beträchtlich erhöhten und ich bei aller jugendlichen Ungezwungenheit durchaus Wert auf ein freundliches und höfliches Miteinander lege.
Böse war ich allerdings, als die 13. Kiste, es war bereits Ende April, Erdbeeren aus Spanien enthielt – so kurz vor Beginn der heimischen Erdbeersaison! Außerdem war ich mittlerweile bis ins Mark von den Rezepten genervt, denn in all den Wochen gab es wirklich kaum eine Kreation, die ohne Milchprodukte auskam. Salatdressing? Nur mit Joghurt. Spaghetti? Nur mit einer Extraportion Ricotta. Simpelste Kartoffelsuppe? Nur mit Sahne. Wie Menschen solche Mengen an Milch und Milchprodukten zu sich nehmen können, ist mir höchst schleierhaft, und mit der Zeit kam ich nicht mal mehr auf die Idee, einen Blick auf den Kistenbeipackzettel zu werfen – klaglos, versteht sich. Und die spanischen Erdbeeren schluckte ich, klug aus Erfahrung, ebenfalls.
Fassen wir also kurz zusammen: Ich habe verziehen, dass man mich unfreundlich und herablassend behandelte, als ich eine simple Neukundenfrage stellte. Ich habe mich mit der umfassenden Unbrauchbarkeit der Rezepte abgefunden. Ich habe akzeptiert, dass der regionale Aspekt nur eine Nebenrolle spielt und ich spanisches Gemüse essen muss, obwohl es auch hier vor Ort Saison hat. Ich habe verziehen, dass Gemüsekisten-Man sein schnelles Vorankommen wichtiger scheint, als die Einhaltung gängiger Minimalumgangsformen. Ich habe die Gemüsekiste Woche für Woche abgelichtet, mich an der Frische der Produkte erfreut und alle Nahrungsmittel mit Herz zubereitet. Aber Gemüsekisten-Man wäre nicht Gemüsekisten-Man, wenn er meinen Langmut nicht erneut auf die Probe stellen würde, denn: Seit ein paar Wochen klingelt er nicht mehr.
Beim ersten Mal dachte ich noch, dass es sich nur um eine Verspätung handeln würde, und stieg gegen Mittag stirnrunzelnd die Treppen herab. Ob nicht vielleicht doch …? Und siehe da! Da stand die Kiste, mit den wundervollsten Sachen bestückt, die bei rund 25 Grad Außentemperatur langsam aber sicher ihre Spannkraft verloren.
Beim zweiten Mal entdeckte ich die Kiste, als ich zufällig einen vollen Wäschekorb in den Keller transportierte.
Beim dritten Mal brachte der Mann die Kiste nach der Arbeit mit nach oben, nachdem ihr Inhalt den ganzen Tag bei über 30 Grad langsam vor sich hingegart hatte.
Als ich am Folgetag telefonisch darum bat, doch in Zukunft wieder zu klingeln, zeigte man sich erstaunt und versicherte mir, Gemüsekisten-Man würde selbstverständlich klingeln! Meinen Hinweis würde man jedoch trotzdem weitergeben.
Nächster Mittwoch: Kein Klingeln. Dafür aber ein Mann, der sich nur noch schwer davon abhalten ließ, das Abo direkt und ohne jede Umschweife unter reichlicher Verwendung ehrlichster Fäkalsprache zu kündigen. Aber dann, der darauffolgende Mittwoch, der Mittwoch letzter Woche, meine Damen und Herren, Sie werden es nicht glauben! Ich jedenfalls barst öffentlich geradezu vor Begeisterung:
Er hatte geklingelt! Hurra! Die Sachlage war völlig klar: Gemüsekisten-Man war sicherlich nur einer Verwechselung erlegen, natürlich würde er jetzt wieder verlässlich klingeln und mich jeden Mittwoch mit einer Kiste frischer Agrarprodukte so glücklich machen, wie es ihm im Rahmen seiner selbstgefälligen Natur nur möglich ist.
Der gestrige Mittwoch machte aber all meine Hoffnungen zunichte, denn – ich wünschte wirklich, ich hätte eine schönere Pointe – ich fand die Kiste abermals zufällig verwaist vor der Haustüre vor. Die Hälfte des Gemüses stammte aus Spanien, die Hälfte des Obstes aus anderen fremden Landen. Jedes Rezept enthielt mindestens ein Milchprodukt. Und auch wenn ich die Idee der Gemüsekiste von Herzen liebe, jede der 24 Wochen trotz des merkwürdigen Geschäftsgebarens wirklich genossen habe und fest davon überzeugt war, dass Gemüsekisten-Man und ich uns schon irgendwann zusammenraufen würden, so fürchte ich: Das wird nichts mit uns.
Es wird Zeit, sich von Gemüsekisten-Man zu trennen.