Geboren am 05. November 2003, gestorben am 04. April 2012.
Wir sind unendlich traurig.
Geboren am 05. November 2003, gestorben am 04. April 2012.
Wir sind unendlich traurig.
Nun ist es eine Woche her, dass ich im Wohnzimmer saß, ein Buch in den Händen und den Blick auf den sonnengefluteten Balkon gerichtet, und dachte: Wow. Jetzt sitzt du hier, liest das Ende von diesem ziemlich krassen Buch und guckst dabei deiner Kleinkatz beim Sterben zu.
Tatsächlich lag das vom Krebs zerfressene Häufchen Elend schwer atmend auf den heißen Fliesen, mit struppigem Fell und matten Augen, und hustete ab und zu jämmerlich.
Am Morgen noch hatte mich ein fröhliches kleines Mädchen geweckt und sich – olles Proletenweib – demonstrativ die Krallen geschärft (Vorderläufe am Kratzbaum, Thorax am Boden, Arsch in der Luft), und als ich wenige Stunden später wieder nach Hause kam, knickten ihr auf dem Weg zur Tür einfach so die Hinterläufe weg. Ich habe dann den Mann angerufen, damit er den freien Nachmittag zu Hause verbringt, und mich vom Fakt verhöhnt gefühlt, dass der erste Sonnentag des Jahres wohl gleichzeitig ihr letzter sein sollte. Obwohl ich mir doch so dringend noch einen Sommer für sie gewünscht hatte.
Wir haben dann leise neben ihr gesessen, uns mühsam zusammengerissen und eine Strategie entwickelt, nach der wir ihr Sterben begleiten wollen. Schmerzmittel, Kortison, gutes Futter, viel Liebe und die Zusicherung der Tierärztin, zu uns zu kommen für den Fall, dass. Ob das Morgen ist oder Übermorgen oder den Tag nach Übermorgen oder der Tag danach.
Und siehe da, am nächsten Morgen hatten wir unsere Kleinkatz wieder, viel zu mager, aber wach und voll da, voller Tapferkeit und Lebenswillen. Und auch wenn wir nun gemeinsam mit ihrer Tagesform Karussell fahren, ging es ihr und uns seither nicht mehr so schlecht, wie vor einer Woche.
Heute ist wieder ein Freitag. Draußen scheint die Sonne.
Wenn du irgendwann zwischen Anfang und Mitte Zwanzig in einer fremden Wohnstube sitzt und dich in eines der vielen kleinen, blauen Augenpaare, die mit ihren gerade mal drei Wochen Lebenszeit so tapsig um dich herum wuseln, so sehr verliebst, dass du es jederzeit unter Hunderten wiedererkennen würdest, dann bereitet dich nichts auf das eiskalte Gefühl im Brustkorb vor, das du verspüren wirst, wenn du nur etwas mehr als acht Jahre später gedankenlos durch das vor Seligkeit vibrierende Fell fährst, das dieses Augenpaar umgibt, und einen Knoten ertastest, der beweist: Der Krebs, gegen den ihr so sehr angekämpft habt, hat gestreut, und die Tage, in denen das schöne Blau dich freundlich anblinzelt, sind endgültig gezählt.
Ich bezweifele auch, dass es leichter wäre, wäre man vorbereitet.
Ich fühle mich zittrig und ängstlich. In nicht ganz vierundzwanzig Stunden wird die Kleinkatz – Houston, wir haben Mammatumore – operiert, seit Samstag wissen wir um diesen Termin, seit Samstag bin ich ein emotionales Wrack. Ein Bündel Nerven, das man nur ganz leicht anstechen muss, damit es wahlweise überläuft oder explodiert. Meinen Hintergrund bilden neun Wochen, in denen ich fast ausschließlich gearbeitet habe, meist sieben Tage die Woche, manchmal bis zu sechzehn Stunden; Wochen, die mich die Kraft gekostet haben, die ich jetzt bräuchte. Meine Haut ist dünn, ich bin sehr klein vor Sorge, und sehr schwer vor Angst. Angst vor Blutungen, die es mir unmöglich machen könnten, die Kleinkatz wieder nach Hause zu holen. Angst vor Metastasen auf dem Röntgenbild, davor, dass sich etwas bösartiges in ihre kleinen Knochen und ihre winzige Lunge gefressen hat und ihre Tage bereits gezählt sind. Sie ist doch so ein zartes, liebes Wesen. Ich fürchte mich davor, die Fassung zu verlieren, und wiederhole stoisch die Aufforderung an mich selbst: »Haltung wahren!« Es hilft ja nichts.
Nichts ist so weich wie das Bauchfell einer tiefschlafenden Katerkatz.
Altes serotonisches Sprichwort